Für Joachim Bott sind Elterngremien bis dato „zahnlose Tiger“. Deshalb setzt der 56-jährige Fachlehrer nun mit einer eigens ins Leben gerufenen Liste Eltern zum Sprung in den Gemeinderat an. „In Pforzheim krankt es an guten Ideen für die Bildung“, kritisiert der Vorsitzende des örtlichen Gesamtelternbeirats, „es fehlt ein Bildungsbüro und es gibt keine politische Struktur, die länger als fünf Jahr denkt.“

Einmal in Fahrt gekommen, ist Bott kaum noch zu bremsen. „Acht Prozent Schulabbrecher sind besorgniserregend und Pforzheim stellt die Frage der Inklusion nicht.“ Den Schulentwicklungsplan bezeichnet der oberste Elternvertreter Pforzheims als „Streichungsorgie“ und den geplanten Insel-Campus als „Lachnummer“, weil die Stadt die 40 Millionen Euro, die er kosten würde, gar nicht habe.

Nach 17 Jahren Elternarbeit will sich Joachim Bott nun nicht mehr damit begnügen, Empfehlungen abzugeben, sondern die Politik der Stadt mitbestimmen. Ihre eigenen schlechten Erfahrungen haben auch Dagmar Heiß-Krampe zur Kandidatur motiviert. Vor zwei Jahren hätte die 45-jährige Diplom-Bekleidungstechnikerin ihre Lehrtätigkeit an der Akademie für Kommunikation beinahe aufgeben müssen, weil sie für ihre zwei Töchter keine Hortplätze fand. Zusammen mit anderen habe sie so lange gekämpft und demonstriert, bis es endlich geklappt hat. Weniger gut sei es einer Freundin ergangen, die sich bereits in der 20. Schwangerschaftswoche anmeldete, aber heute, da ihr Kind zwei Jahre alt ist, immer noch keinen Krippenplatz bekommen habe. „An allen Ecken und Enden“ fehle es an Betreuungsmöglichkeiten. „Kinder haben im Rathaus keine Lobby“, meint Heiß-Krampe. Außerdem beklagt sie „ekelhafte Schultoiletten“ und dass man „Kinder in Container steckt“.

Die Bezeichnung der Gruppe kommt nicht von ungefähr. Auf der Elternliste darf nur kandidieren, wer selbst Kinder hat, die noch nicht berufstätig sind. Dem Eindruck, die Liste Eltern sei ausschließlich auf Schul- und Bildungspolitik fixiert, widersprechen die Spitzenkandidaten im Gespräch mit dem Pforzheimer Kurier dennoch energisch. „Mein Thema ist auch Wirtschaftspolitik. Wir werden uns allen Themen stellen“, erklärt Joachim Bott, der sich „nicht als Politiker, sondern als Verantwortlicher fühlt“. Aber alle Themen müssten unter dem Gesichtspunkt Kinder, Jugend und Bildung betrachtet werden. Die Gründung der Liste Eltern resultiere vor allem aus der Sorge, „dass wir in Pforzheim künftig keine Ausbildungs- und Arbeitsplätze mehr für unsere Kinder haben“.

Um Jugendliche von der Straße wegzubekommen sind für den 54-jährigen Elektriker Andreas Kubisch auch gute Angebote im Kultur- und Freizeitbereich unerlässlich. Einige Mädchen hätten sich überdies bei ihm beklagt, dass sie nicht mehr in Ruhe durch die Stadt laufen könnten. Kubisch kandidiert nicht nur für den Gemeinderat, sondern ist überdies Landesvorsitzender des Vereins Liste Eltern. Er geht davon aus, dass ein erfolgreiches Abschneiden bei der Pforzheimer Gemeinderatswahl aufs gesamte Land ausstrahlen wird und sich weitere Ortsverbände gründen. Der Zuspruch in der Goldstadt sei bereits sehr groß. Mike Bartel